Psychosomatik

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Definition

Als Psychosomatik (Syn.: Klinische Psychophysiologie, Psychosomatische Medizin) werden “systematische Ansätze zur Erforschung von Zusammenhängen zwischen psychischen Prozessen und relativ überdauernden Störungen umschriebener Organ- bzw. Körperfunktionen definiert“. Es handelt sich also um den “körperlichen Ausdruck krankmachender psychischer Be- und Überlastungen aufgrund von längerfristigen Auseinandersetzungen mit unlösbar erscheinenden Lebensfragen oder persönlichen Konflikten”.

Psychosomatische Störungen oder Erkrankungen betreffen das Herz-Kreislauf-System, die Atemwege, den Magen-Darm- und Urogenitaltrakt und den Schlaf-Wach-Rhytmus auf dem Weg über unwillkürliche und unwissentliche Veränderungen von neurohumuralen  und neurovegetativen Grundvorgängen sowie über das Immunsystem, letzteres mit den Folgen einer herabgesetzten körpereigenen Abwehr gegen Infektionen und Allergien. Nach Schätzungen des Berufsverbandes der Praktischen Ärzte und Ärzte für Allgemeinmedizin Deutschlands haben mindestens 30 bis 40 Prozent aller körperlichen Beschwerden seelische Ursachen.

Psychosomatik und Zahnheilkunde

Psychosomatische Erkrankungen kommen in allen Fachgebieten der Humanmedizin vor. Überraschend ist, dass trotz Ihrer beeindruckenden Häufigkeit in der humanmedizinischen Allgemeinpraxis im Wörterbuch der Psychologie unter den Stichwörtern „Psychosomatik“ und „Psychosomatische Störungen“ abgesehen vom allgemeinen Begriff „Kopfschmerzen“ nicht ein einziges psychosomatisches Krankheitsbild aus dem zahnheilkundlichen Bereich aufgeführt ist.

Dass auch in der Zahnheilkunde somatische Erkrankungen mit psychischen Ursachen gehäuft vorkommen,  wird mittlerweile von maßgeblichen Repräsentanten des Fachgebietes anerkannt und geäußert. Diese neueren Erkenntnisse haben aber in Deutschland im Gegensatz z.B. zu Schweden bisher praktisch keinen Eingang in die zahnärztliche Ausbildung und nur sehr wenig Verbreitung in der zahnärztlichen Praxis gefunden. Die zahnärztliche Praxis ist nach wie vor von einer rein mechanistischen Vorstellung zahnärztlichen Handelns geprägt, und zwar sowohl auf Seiten der Zahnärzte wie auch auf Seiten der Patienten.

Es besteht hier als auffälligstes Beispiel durchaus die Möglichkeit, seine Prothese zur Reparatur abzugeben. Diese starre Fixierung auf Ursache und Wirkung überträgt sich natürlich auch auf andere Phänomene im Mund, wie z.B. Schmerzen unklarer Genese. Der Zahnarzt braucht schließlich nur irgend etwas zu machen, und der Patient ist geheilt. Selbstverständlich und zum Glück ist das ja auch meistens so. Manchmal aber eben auch nicht. Diese Erwartungshaltung bezüglich des Therapiegeschehens hat der Patient schon vor dem ersten Zusammentreffen mit dem Zahnarzt, und der Gedanke an eine Mitbeteiligung der Seele ist ihm fremd. Dabei trifft der Zahnarzt  anders als früher in seiner täglichen Praxis mit deutlich steigender Tendenz auf Patienten, die über unspezifische Schmerzen oder Missempfindungen im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich klagen und nicht in dieses linear-kausale Schema passen.

Diese Patienten haben nicht selten eine längere Leidensgeschichte mit zahlreichen Behandlerwechseln und vergeblichen Therapieversuchen hinter sich, bevor die richtige Diagnose gestellt wird, zumal die psychogene Genese von Schmerzen bei Zahnärzten sehr stark mit dem Begriff “Simulation” besetzt ist.

Das ärztliche Gespräch würde dem Zahnarzt bei extremen Fällen in dieser Situation die Möglichkeit der Psychodiagnostik eröffnen. Es würde die Grundlage zur Therapieentscheidung und für eine eventuell notwendige Überweisung schaffen.

Leichtere Fälle können zum Glück in ihrer zahnärztlichen Manifestation relativ schnell symptomatisch behandelt und gelöst werden, ohne in ein psychotherapeutisches Gespräch eintauchen oder gar in eine Psychotherapie einsteigen zu müssen.

Die Behandlung schwererer oder schwerer Fälle setzt aber eine gründliche psychosomatische Ausbildung voraus, die dem Zahnarzt bisher fehlt. Aber auch wenn er die richtige Diagnose stellt und den Patienten überweisen will, ist er mit erheblichen Problemen konfrontiert, da die Fachärzte bis auf wenige Spezialisten nicht über das erforderliche zahnmedizinische Basiswissen verfügen, was den interdisziplinären Austausch kompliziert.

Auf der anderen Seite wollen die Patienten sich häufig nicht psychotherapeutisch behandeln lassen, da für sie der körperliche Schmerz das kleinere Übel zu dem dahinterstehenden seelischen Schmerz darstellt.

 Zwischen 1984 und 1987 wurde an der Universität Mainz erstmalig in einer interdisziplinären Kooperation der Versuch unternommen, die betroffenen Patienten einer Psychotherapie zuzuführen. Von den 150 als psychosomatisch erkrankt diagnostizierten Patienten konnten aber lediglich 10 % zu einer psychotherapeutischen Behandlung motiviert werden.

  Die Myoarthropathie

Im Zentrum des Krankheitsbildes stehen vor allem die Muskelverspannung, die Funktionsschädigung und der Schmerz. Wesentlicher Äthiologiefaktor sind die psychoemotionalen Spannungszustände. Der psychisch induzierte Hypertonus der Kaumuskulatur führt zu langfristig erhöhten, unphysiologischen Zahnkontakten, den sogenannten Parafunktionen. Knirsch- und Pressphänomene stellen sich ein. Auf diese Weise wird ein für die Erkrankung der Gelenke und der Muskulatur notwendiges traumatisches Potential erreicht. Reaktive Verspannungen der Muskulatur (Tendomyosen) des Kiefer-Gesichts-Hals-Bereichs sind die Folge. Wenn diese Verspannungen der Muskulatur sowie die damit verbundene Bewegungseinschränkung des Unterkiefers lange genug bestehen und ein kritisches Maß überschreiten, kann es zu deformierenden Kiefergelenksveränderungen kommen. Die häufigste Schädigung des Kiefergelenks ist eine Überdehnung des Kapsel-Bandapparates. Kompressionsschäden werden allerdings laut Prof. Meyer (Greifswald) erheblich unterschätz.

Etwa 74% der Myoarthropathien entstehen auf der Basis solcher Parafunktionen. Diese schädlichen Angewohnheiten und Ersatzhandlungen, zu denen auch das Daumenlutschen als Hauptursache der Kieferanomalie bei Kindern gehört, sind weit verbreitet. In einer Studie von Ronneburg aus dem Jahre 1979 an 200 Studenten fand sich bei 95 % zumindest ein Zeichen von Parafunktionen, als da sind Schliffflächen an den Zähnen, Schmelzrisse, Zahnfleischretraktionen, Stillman-Spalten, Kaumuskelhypertrophien oder McCall-Girlanden. In den allermeisten Fällen löst dieses Verhalten keine subjektiven Beschwerden und dauerhaften Schäden aus, es bleibt im adaptierten und kompensierten Bereich.

Parafunktionen gehören demnach zum normalen, allgemeinmenschlichen Verhalten. Erst dort, wo das Verhalten über Jahre hinweg in einer Intensität und Dauer ausgeübt wird, die vom System nicht mehr toleriert werden können, so dass es zu Beschwerden und größeren Schäden kommt, sind sie als pathologisch anzusehen”

Der Häufigkeitsgipfel der Myoathropathie liegt in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts, wobei Frauen angeblich dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Die Häufigkeit und die Schwere der Folgeschäden nimmt ständig zu. Zwar ist die Entwicklung  nur schwer abzuschätzen, da die notwendigen Basisdaten für einen statistischen Vergleich dieses Krankheitsbildes in seinen verschiedenen Formen fehlen. Auf dem Gebiet der Myoarthropathie erfahrene Kliniker bestätigen jedoch diese Einschätzung. „In der von mir geleiteten Abteilung ist in den letzten 25 Jahren eine anteilige Häufigkeitsverschiebung der Myoarthropathie von circa 1 % auf 10 bis 15 % eingetreten” (Willi Schulte, „Die exzentrische Okklusion“).

Die starke Einbeziehung des Kauorgans in emotionale Prozessen wird anhand von Zitaten aus der Literatur und an Redewendungen der Umgangssprache deutlich. So schreibt Goethe am 10. November 1767 in einem Brief, in dem er seine Gefühlsqualen angesichts eines erfolgreichen Nebenbuhlers schildert: “…denn wenn man knirscht, kann man nicht weinen“. Und im alten Testament findet sich der Ausspruch: “…ich bin verstummt und still und schweige der Freuden und muss mein Leid in mich fressen” (Lutherbibel, Psalm David, 39.3). Der Volksmund spricht von ” jemandem die Zähne zeigen”, “zerknirscht sein”, “verbissen sein”, “Probleme durchkauen”, “Zähne zusammenbeißen und durch”, “sich an etwas festbeißen”, “sich in etwas verbeißen”, und nicht zuletzt vom “Ins Gras beißen”. Nicht überraschend ist, dass es diese Redewendungen in den meisten Sprachen gibt.

Solche Redewendungen sind das Ergebnis Jahrhunderte langer genauer Beobachtungen dessen, was die Leute so machen und treiben. Wenn man durch „schlechte Gewohnheiten“, zu denen auch das Zungenpressen gehört, entstandene Gebissschäden beobachtet, bilden diese Ausdrücke eine ausgezeichnete Möglichkeit, mit den Patienten ins Gespräch zu kommen und ihnen die Zusammenhänge zu verdeutlichen.

Wir haben gelernt, dass sich die Ober- und Unterkieferzähne nur beim Schluckakt ohne wesentlichen Kaudruck berühren, und dass sämtliche anderen Zahnkontakte, insbesondere solche, die mit einem gesteigerten Kaudruck einhergehen, als unphysiologisch und als „Missbrauch der Zähne“ einzuordnen sind.

Ferner wissen wir jetzt, dass das Hirn den Schluckakt, in der „Mensch“ die Schlussbissstellung einnimmt, dazu nutzt, die Muskeln zu zentrieren. Bei idealen Okklusionsverhältnissen und entspannten Menschen führt das zu einer entspannten Kaumuskulatur. Aber wer hat das oder ist das schon in diesen harten Zeiten?

Bei natürlichen (z.B. Zahnverlust mit Kippung der Nachbarzähne in die Lücke) oder iatrogen durch den Zahnarzt gesetzten Früh- und/oder Fehlkontakten (z.B. zu hohe Krone) dient diese zentrale Zentrierung dazu, dennoch schnell und effektiv in diese Schlussbissstellung zu finden. Dafür zahlt man jedoch einen Preis. Nämlich den eines ständig gesteigerten Tonus eines, mehrerer oder gar aller Mundschließer.

Zuletzt scheint es noch eine weitere Gruppe von Menschen zu geben, die unabhängig von den bestehenden Okklusionsverhältnissen ganz allgemein unter einem gesteigerten Tonus der Muskulatur leiden, und zwar völlig unabhängig davon, ob diese Muskulatur ganz oder teilweise vom Willen gesteuert ist oder nicht.

Grob kann man drei Bereiche und Entwicklungsstufen unterscheiden.

a) Stammhirn mit Mittelhirn, Kleinhirn und Rückenmark:  Über diesen Hirnabschnitt werden die lebensnotwendigen Prozesse (Kreislauf; Darm, Atmung) und die Reflexe (Niesen, Husten, Erbrechen) gesteuert und eingeübte Bewegungsabläufe gespeichert und koordiniert.

b) Zwischenhirn: Über diesen Hirnabschnitt erfolgt die Steuerung wichtiger vegetativer Funktionen über die Ausschüttung von Hormonen und Releasing Faktoren (Schlaf, Wasserhaushalt, Körpertemperatur, Sexualfunktion, Nahrungsaufnahme, Stoffwechsel, Herz- Kreislaufgeschehen, Drüsenaktivitäten, usw.).

c) Endhirn: Hier unterscheiden wir das entwicklungsgeschichtlich ältere limbische System (Gedächtnisfunktionen, Emotionen) und die viel jüngere Hirnrinde (Intelligenz, Sprache, Rechnen, Ideen, Erinnerung, räumliche Vorstellung, zielorientierte Motorik, Informationsverarbeitung, Sehen, Hören, Gedanken, Planen, Integrieren, Logisches Denken, Musik, Organisation, usw.).

Alle diese Hirnabschnitte sind selbstverständlich vielfältig untereinander vernetzt.

Je höher nun die entwicklungsgeschichtlich erreichte Stufe eines Lebewesens ist, desto höherstehend  und entwickelter ist die Hirnstruktur, die kontrollierend wacht und steuert. So ist z.B. der Mensch ausgesprochen endhirn-, das Krokodil im selben Maße stammhirngesteuert. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die alten, niederen Strukturen ihren prägenden Einfluss auf den Menschen verloren hätten und das Endhirn in der Lage wäre, primitive Reaktionen vollständig zu kontrollieren und zu eliminieren. Um sich dies zu vergegenwärtigen, braucht man sich nur die möglichen Reaktionen eines Menschen anzuschauen, der sich in einer Ausnahmesituation befindet (z.B. Krieg):

Wie wenig die Menschen in der Lage sind, sich in diesem Sinne zu entwickeln, zu lernen und Kontrolle über ihre eigenen Reaktionen zu gewinnen, sieht man leicht an den Geschehnissen im ehemaligen Jugoslawien im Vergleich zum 2. Weltkrieg und zum 30jährigen Krieg (1648). Der Mensch scheint nichts gelernt zu haben, weder aus der Geschichte noch aus der unmittelbaren, selbsterlebten Vergangenheit. Von möglichen „rein menschlichen“ Reaktionen, wie sie etwa Jesus („die linke Backe hinhalten“) oder Ghandi („gewaltloser Widerstand“) gefordert haben, scheinen wir noch Lichtjahre entfernt.

Wenn wir ein Bild, wie es etwa Shakespeare in seinem “Richard” zeichnet, mit der heutigen Situation vergleichen, so können wir feststellen, dass nicht mehr jeder, der einem andern im Wege steht, einfach umgelegt wird. In diesem Sinne hat sich schon etwas zum Besseren gewendet. Schaut man jedoch etwas genauer hin, so stellen wir fest, dass lediglich die Mittel der Ausgrenzung sehr viel subtiler geworden sind. Heutzutage laufen diese Dinge mehr über die wirtschaftliche Schiene.

Wir sind zwar von den Bäumen geklettert, leben aber nach wie vor in einem Dschungel und müssen unsere Position im Leben gegen vielfältige Angriffe verteidigen und uns in vielen Situationen durch selbiges im wahrsten Sinne des Wortes „durchbeißen“.

e) Stress

Negativer Stress ist ein emotionaler Zustand von vorübergehender oder andauernder Belastung, der vor allem durch zwei Merkmale gekennzeichnet ist. Empfunden wird zum einen eine Diskrepanz zwischen den gestellten Anforderungen und den zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten, zum anderen werden die Folgen, die aus dieser Diskrepanz resultieren, als bedrohlich empfunden.

Stellen wir uns ein Tier vor, das bedroht wird, und vergleichen wir seine gattungsspezifischen Reaktionsmöglichkeiten mit Verhaltensmustern, die wir auch beim Menschen beobachten können.

Flucht

Viele Tiere flüchten. Viele Menschen auch. Das sind diejenigen, die sich auftauchenden Problemen entziehen, die Konfrontation meiden und nicht versuchen, sich durchzusetzen. Auf die Arbeitswelt bezogen werden sie z.B. die Stelle wechseln, wenn es Probleme mit den Kollegen oder Vorgesetzten gibt. Solche Menschen „beißen sich nicht durch“. Das muss sie aber nicht zwangsläufig daran hindern , z.B. nachts, wenn das Erlebte verarbeitet wird, „diese Probleme durchzukauen“ und tagsüber „verbissen“ zu sein.

Tot-Stellen

Manche Tiere stellen sich im Anblick einer Gefahr einfach tot. Manche Menschen auch. Das sind diejenigen, die die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, einfach ignorieren. Sie schauen z.B. nicht mehr in den Briefkasten, in dem sich Rechnungen und Mahnungen stapeln, oder ziehen sich völlig von ihrer Umwelt zurück, bis sie eines Tages Wochen nach ihrem Ableben aufgrund des gangränösen Gestankes, den sie zwangsläufig verbreiten, zufällig entdeckt werden. Eine andere Art der Verdrängung, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Art somatisieren wird. Vielleicht ertragen sie diese Situation nur mit „zusammen gebissenen Zähnen“.

Angreifen

Ein Krokodil schnappt sofort zu. Manche Menschen auch. Sie greifen die Probleme aggressiv  an, „beißen sich durch“ und “zeigen ihren Gegnern die Zähne”. Diesen Typus finden wir häufig bei Managern und Vorgesetzten.

Selbstverständlich muss sich diese Somatisierung nicht unbedingt auf die Kaumuskulatur und die Zähne projizieren. Alle denkbaren Muster sind möglich.

f) Physiologie des Stresses

In Stresssituationen wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Der Blutdruck steigt an, die Atmung wird beschleunigt, die Muskeln angespannt. Das läuft über die humurale Schiene. Adrenalin und Cortison werden hochdosiert ausgeschüttet.

Die Ausschüttung von Cortison aus der Nebenniere in Stresssituationen ist interessant. Bei Untersuchungen wurde festgestellt, dass bei mehr als der Hälfte der Patienten, die an einer Depression leiden, der Cortison-Spiegel im Blut deutlich erhöht ist. Bei diesen Patienten funktioniert der Bio-Feed-Back nicht richtig, der normalerweise in dieser Situation dazu führen müsste, dass   weniger Releasing-Hormone ausgeschüttet werden, um seine Ausschüttung zu reduzieren. Wir müssen uns das merken, da wir an anderer Stelle darauf zurück kommen werden.

All das macht durchaus Sinn, um Mensch und Tier in die Lage zu versetzen, unmittelbar auf die Bedrohung zu reagieren und z.B. die Flucht oder den Angriff einzuleiten. Da es in bedrohlichen Situationen schnell gehen muss, erfolgt die Reaktion nicht willentlich nach Reflexion unter Einschaltung des Neocortex, sondern reflexartig auf niedererem Niveau. Das sieht man beispielsweise daran, dass bestimmte Muster reichen, um diese Reflexe auszulösen. So kann z.B. ein dem engrammierten Muster einer Schlage ähnlicher Schatten auf einem Waldweg ausreichen, jemanden zu erschrecken und zurückzucken zu lassen.

Durch die sich anschließende körperliche Aktivität  (z-B- Flucht, Schlägerei) wird das Adrenalin dann wieder abgebaut.

Leider (oder auch zum Glück) ist es nach den Konventionen der modernen Gesellschaft für die Menschen nicht mehr ohne weiteres möglich, diesen natürlichen Impulsen zu folgen.

Stellen Sie sich einen Angestellten vor, der in seiner Arbeitssituation überfordert ist. Die Ansprüche, die von Seiten seiner Vorgesetzten an ihn gestellt werden, sind höher als seine Bewältigungskompetenz. Die daraus resultierende Diskrepanz wird als Bedrohung empfunden. Diese Bedrohung ist für viele durchaus real. Sie besteht im möglichen Verlust des Arbeitsplatzes mit all den Konsequenzen, die das für ihn und seine Familie bedeutet  Es resultiert also eine typische, negative Stress-Situation, die, wenn sie über längere Zeit besteht und nicht zu ändern ist, in chronischem negativen Stress mündet.

Diese Situation ist in der heutigen Arbeitswelt gar nicht selten. Die Globalisierung, der (internationale) Wettbewerb und der Rationalisierungs- und Kostendruck führen dazu, dass in den Unternehmen immer mehr von immer weniger Menschen geleistet werden muss. Wir leben längst nicht mehr in einer Arbeits- oder gar Beschäftigungs-, sondern vielmehr in einer Leistungsgesellschaft.  Und Leistung ist als Arbeit pro Zeit definiert. Wer wüsste das besser als ein niedergelassener Zahnarzt?

Der Mensch in dieser Situation kann weder fliehen, noch sich tot stellen, noch verbal oder körperlich angreifen, ohne den Verlust seines Arbeitsplatzes zu riskieren, sondern muss seine naturgegebenen Reflexe über den Neo-Cortex kontrollieren, seine Emotionen unterdrücken und seinen Vorgesetzten möglichst noch freundlich anlächeln. Nichts desto Trotz befindet sich sein Körper in Alarmbereitschaft und schüttet Adrenalin und Cortison aus, da wir ja nach wie vor über diese niederen Hirnstrukturen verfügen und von ihnen beeinflusst werden. Das Krokodil ist immer noch in uns. Und weit und breit keine Möglichkeit, diese Hormone durch Muskelaktivität loszuwerden.

Außer vielleicht über die Kaumuskulatur oder andere Muskeln (autochtone Rückenmuskulatur: Rückenprobleme, Bandscheibenschäden, “die Last nicht mehr tragen können”; Beckenbodenmuskulatur: Hämorrhoiden, “Hintern zusammen kneifen” und “das letzte aus sich heraus pressen”?

Dies ist nur ein Beispiel für viele, um Zusammenhänge deutlich zu machen. Wundern Sie sich jetzt ein bisschen weniger, dass psychosomatische Erkrankungen und Allergien zunehmen?

Setzen Sie sich einmal in die Ecke eines vollbesetzten Busses oder einer U-Bahn und beobachten Sie unauffällig Ihre Mitreisenden. Sie werden nicht wenige entdecken, bei denen Sie am Anschwellen und Abschwellen des Masseters erkennen können, dass sie mit den Zähnen pressen. Andere schneiden Grimassen, wieder andere pressen mit der Zunge und Prothesenträger spielen mit ihrem Zahnersatz.

Solange alle dem Zweitwagen, der Zweitwohnung und dem Dritt-Videorecorder hinterher hecheln wird sich daran auch so schnell nichts ändern.

Zum Glück müssen die Ärzte  für Zahnheilkunde nicht in jedem Fall tief in ein psychodynamisches Gespräch eintauchen, um den Patienten zu helfen, wenn wir an Ihren Zähnen, ihrem Parodont, an ihrer Zunge und/oder an ihren Lippen erkennen, dass sie unter „schlechten Angewohnheiten“ leiden. Wir haben in der Verordnung und der Anfertigung von Entspannungsschienen schließlich eine sehr schöne, erfolgreiche symptomatische Therapie.

g) Fazit

Der Mensch an sich will frei sein und nicht eingesperrt. Und wenn sonst schon nichts geht, dann doch wenigstens in der Okklusion! Die „Schlechten Angewohnheiten“ sind in diesem Sinne nicht anderes als die Manifestation der Unfreiheit und des Eingesperrtseins.

Nach Früh- und Fehlkontakten muss man angesichts ihrer oralen Manifestationen in jedem Falle suchen und sie zielgerichtet entfernen, um Folgeschäden zu vermeiden. Iatrogene Hindernisse einzubauen, muss man sich hüten, um die okklusale Freiheit nicht zu gefährden.

Auf der einen Seite sehen wir entspannte Patienten mit desolaten Okklusionverhältnissen ohne manifeste Schäden (z.B. den Aussteiger mit desolater Okklusion, der entspannt und mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist).

Auf der anderen Seite ideale Okklusionsverhältnisse mit erschreckenden Schäden (z.B. den Yuppi mit idealer Okkllusion nach kindlicher KFO, der sich auf der Jagd nach wirtschaftlichem Erfolg einen Sechser pulpitscj knirscht).

Die meisten Menschen haben primär keine Fehlkontakte, sie können sie aber durch Pressen und Knirschen erzeugen (z.B. sekundärer Engstand des Erwachsenen im UK mit der Folge des Frontzahntraumas im OK)., weshalb die Überprüfung auf manifeste Schäden zu jeder eingehenden Untersuchung gehören muss. Sie brauchen diese Fehlkontakte auch nicht zwangsläufig, um ihren schlechten Gewohnheiten nachzugehen. Das Pressen und Knirschen ist in diesem Sinne ein Ventil zum unbewussten Spannungsabbau und kann als Adrenalin-Abbau über zwanghafte Muskelaktivität interpretiert werden, ohne sich tot zu stellen, zu flüchten oder anzugreifen.

Alles in Allem sind diese Phänomene sehr einfach zu durchschauen. Sie stellen die somatische Manifestation des negativen Stresses über den Umweg der Kaumuskulatur dar, dem sich die Menschen aus materiellen Gründen in der modernen Industriegesellschaft nicht entziehen können. Zumal dann, wenn sie abhängig beschäftigt sind und/oder Sorgen haben. Bei vielen Menschen sind die Ansprüche eben eher groß und die Bewältigungskompetenz eher klein.

Deshalb ist dieses Phänomen auch  wesentlich häufiger in der Stadt anzutreffen als auf dem Lande. Und meistens (nicht immer) völlig unabhängig von der Okklusion. Obwohl eine perfekte Okklusion ohne Zahnersatz, eine perfekte Mundhygiene und ein parodontitisresistentes Parodont sicher sehr dienlich sind, die Kompensationsfähigkeit zu optimieren.

Wenn das zusätzlich alles auch  nicht stimmt, sehen wir bei Missbrauch furchtbare Gebissschäden mit Knochenabbau und Lockerungen. Wenn alles optimal ist, sehen wir Abrasionen und ausbrechende Zahnhälse.

Die schlimmste Kombination ist wohl die aus chronischer Parodontitis und schlechten Gewohnheiten.

Wir sehen Patienten, die sich ihre Zähne pulpitisch pressen und knirschen. Wir sehen Patienten mit empfindlichen ausbrechenden Zahnhälsen. Wir sehen viele Studenten, die im Examen mit pulpitischen Beschwerden kommen. Wir sehen insbesondere Patienten, deren Zähne wir nach einem Jahr fast nicht wieder erkennen, weil die durch Bruxismus eingetretenen Schäden gewaltig und plötzlich sind. Spricht man dann mit ihnen, wenn man sie kennt und sie Vertrauen haben, stellt sich häufig heraus, dass sie eine Lebenskrise durchgemacht haben.

Und………………………….. wir sehen viele Zahnärzte, die Chemie auf empfindliche Zahnhälse schmieren, anstatt diese Befunde als wichtiges Leitsymptom zu erkennen

In diesem Kapitel treffen sich Anthropologie, Soziologie, Psychologie, Medizin und Zahnmedizin.

Natürlich haben wir, was die Lehrmeinung betrifft, wieder mit Dogmen zu kämpfen. Die einen sagen, Okklusionstörungen seien die Auslöser von schlechten Gewohnheiten, die anderen möchten es gern anders herum. Wer bei den schlechten Gewohnheiten die Henne oder das Ei ist, wird sich nicht so schnell klären lassen. Wir denken, dass es sowohl so als auch so sein kann.

Es ist wie mit dem Schmerz und der Depression. Ist die Depression Folge des Schmerzes? Oder ist der körperliche Schmerz somatisierte Folge der Depression? Die Lehrmeinung wechseln je nach dem Oberguru, der gerade am Drücker ist. Dogmatisch kann man ein solches Problem nicht angehen. Wir beobachten wohl eher das, was die Mediziner treffend “Mosaike” nennen,  Nicht schwarz und weiß eben, sondern bunt und grau. Wie die Menschen nun mal sind.

Was nun genau die Ursache ist und was die Folge, ist für die akut notwendige Therapie auch nicht entscheidend. Der Schmerz ist da und der Schmerz muss weg.

Es ist in jedem Fall so, dass insbesondere Pressen wohl der am meisten unterschätzte pathologische Mechanismus in der Zahnheilkunde ist. Mit schwerwiegenden, praktisch nicht zahnärztlich wahrgenommenen Folgen in allen zahnheilkundlichen Bereichen. Insbesondere in der PAR.

Wenn Sie genau hinschauen und anhand der Bilder beispielhafter Fälle, die wir Ihnen zeigen werden, das Sehen einüben, werden Sie die Dinge früh erkennen und ihnen früh begegnen lernen. Die Einschleifmaßnahmen und die relativ einfache Schiene, die wir Ihnen zeigen werden, wird sie in die Lage versetzen, deutlich über 90% der Fälle erfolgreich zu behandeln. Die restlichen paar Prozent werden Sie dadurch erkennen lernen, dass Sie mit dieser einfachen, symptomatischen Therapie nicht zurecht kommen.

Das ist ja das Schöne an der Zahnmedizin, dass wir in deutlich über 90% der Fälle ganz einfach und erfolgreich symptomatisch behandeln und die Zähne vor Missbrauch schützen können, wenn man sich denn dem Patienten verständlich machen kann. Wenn dieser die Zusammenhänge einmal begriffen hat, ist es in der Regel recht einfach.

Wir sind mit diesen sehr weit über 90% von Patienten, denen wir auf einfache Art helfen können, ganz zufrieden. Das letzte Prozent, bei dem wir nicht weiter kommen,  überweisen wir an eine gute Adresse.

Es ist wie überall in der Zahnmedizin. Viele einfache Dinge, die jeder Zahnarzt können könnte und sollte, und die für die Versorgung von weit über 90% der Patienten ausreichen würden, werden nicht erledigt.

Mit den wenigen verbleibenden paar Prozenten beschäftigt sich nahezu 100% der  Fortbildung.