Gemeinschaftspraxis Dr. Martin Schärfe & Irini Schärfe Zahnärzte, 27374 Visselhövede, Süderstraße 40 , Tel .+ Fax: 04262-4343, e-mail: martin_schaerfe @ t-online.de, Visselhövede, d. 31.05.2009

Leserbrief zum Disput über die Endodontie

  Wie viele Engel passen auf eine Hedströmfeile?

Oder

Der „Platinstandard“ als neuer Fachbegriff in der Zahnheil

Die Diskussion über die „einzig wahre Wurzelbehandlung“ wird immer dogmatischer und ähnelt für mich inzwischen eher einem Glaubenskrieg als einem wissenschaftlichen Disput. Dabei besteht doch eigentlich ein Konsens über die wesentlichen Punkte:

  1. Das Wurzelkanalsystem muss ausreichend gereinigt werden
  2. Das Wurzelkanalsystem muss desinfiziert werden
  3. Das Wurzelkanalsystem muss mit einer Füllung dicht verschlossen werden
  4. Das Wurzelkanalsystem muss dicht bleiben

Der Streitpunkt liegt nicht darin, was zu erreichen ist, sondern darin wie es zu erreichen ist. Leider haben sich die Hochschullehrer inzwischen von uns „Praktikern“ soweit abgekoppelt, dass sie dogmatisch eine unnötig komplizierte Methode als „best practice“ verfechten und gebetsmühlenhaft behaupten dass es anders nicht gehen kann. Dazu gehört die zwanghafte Anwendung von Kofferdam (wenn’s nicht geht dann machen Sie doch erstmal eine Aufbaufüllung), Arbeiten möglichst unter dem Mikroskop, dreißigminütiges Spülen mit NaOCl, eine Einlage mit Ca(OH)2 und (je nach Hochschullehrer unterschiedlich) eine ultimative (möglichst komplizierte) Methode zur Wurzelfüllung.

Das wird dann als „Goldstandard“ bezeichnet.

Jedes Mal, wenn ich „Goldstandard“ lese wird mir übel. Was für eine Anmaßung! Den Beweis, dass es auch anders funktioniert, liefern wir Praktiker täglich tausendfach indem wir es erfolgreich anders machen. Die vom Kollegen Osswald als „Timbuktu-Methode“ bezeichnete Behandlung ist keineswegs neu. Das „Timbuktu“ darin ist auch nicht abwertend gemeint, sondern sollte nur ausdrücken, dass er damit zur Not auch in Timbuktu erfolgreiche Wurzelbehandlungen machen könnte.

Wenn er den Namen „Frankfurter Methode“ geprägt hätte, gäbe es wahrscheinlich weniger Disput.

Ich habe die Methode vor über 20 Jahren in meiner Assistenzzeit von meinem Chef gelernt, der hatte sie in seiner Assistenzzeit von seinem Chef gelernt und der wahrscheinlich von seinem. Ja, ich gebe es zu: ich verwende keinen Kofferdam, spüle mit H2O2 anstatt NaOCl, benutze CHKM für die Kanaldesinfektion und mache die WF mit Guttaperchaspitzen und Endomethasone. Ich mache also nach der Vorstellung der Elfenbeinturmbewohner alles völlig und unsagbar falsch und bin von Grund auf böse.

Ich mache es allerdings unverschämt erfolgreich falsch.

Ich erkläre deswegen hiermit alle meine Behandlungsweisen zum „Platinstandard“! So. Das musste mal gesagt werden. An diesem Punkt haben wir ein Patt erreicht. Bevor die Hochschullehrer jetzt zur Kreuzigung meiner Wenigkeit schreiten, wollen wir uns kurz an die wissenschaftliche Methodik erinnern:

Wir sind doch alle so evidence-based. Das bedeutet wir brauchen Statistiken und Untersuchungen. Prospektiv, randomisiert und doppelblind wird in diesem Fall nicht funktionieren, aber vielleicht retrospektiv? Es existieren in allen Praxen Aufzeichnungen über die Patientenbehandlungen, mit Röntgenbildern und allem Klimbim. Die kann man doch auswerten. Es gibt Doktoranden, die könnten das machen und hätten damit ein schönes, praxisrelevantes Thema für ihre Promotion.

Meine Patientenakten stehen zur Verfügung, die vom Kollegen Osswald sicher auch, andere Freiwillige werden sich bestimmt finden. Ich kann gerne meinen ehemaligen Chef fragen (der hätte auch gleich noch einen Doktoranden zu bieten). Einen Beobachtungszeitraum von 10-30 Jahren können wir leicht liefern, wenn Sie vergleichbare Zeiträume zu bieten haben.

Also, liebe Hochschullehrer, die Behauptung, dass Eure Methode besser ist als der „Platinstandard“ reicht nicht. Ihr müsst das schon beweisen.

Das ist in der Wissenschaft nun mal so.

Abschließend noch ein Zitat von Leonardo da Vinci: „Jeder, der ein Streitgespräch führt, in dem er sich auf eine Autorität beruft, benutzt nicht seinen Intellekt; er benutzt nur sein Gedächtnis.“

Dr. Martin Schärfe

P.S. Schöne Grüße an den Professor, bei dem ich neulich zur Fortbildung war: Natriumhypochlorid und Chlorhexidin vertragen sich nicht. Da fällt ein Niederschlag aus, von dem ich irgendwo gelesen habe, er sei möglicherweise karzinogen. Wenn man Chlorhexidin mit Kalziumhydroxit mischt, verliert das Chlorhexidin aufgrund des alkalischen pH-Wertes seine Wirkung. Desinfizierende Einlage mit dieser Mischung macht also keinen Sinn. Vielleicht könnten Sie Ihren Goldstandard entsprechend anpassen?

Trotzdem schön, dass Ihre Wurzelbehandlungen so gut funktioniert haben!