Zustand nach klassischer Versorgung

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Es handelt sich um eine 20 Jahre alte, typische symptomatische Versorgung, wie sie die Gnathologen der ersten Stunde damals z.B. bei Kiefergelenksbeschwerden routinemäßig angefertigt haben. Alle Quadranten sehen so aus. Damals verfolgten die selbsternannten Gnathologie-Gurus ein völlig mechanistisch geprägtes Okklusionskonzept. Dieses war durch die einfache Vorstellung geprägt, man müsse nur für eine gnathologisch optimale Beziehung der Zähne untereinander sorgen, indem man die offensichtlich Insuffizienz jeglicher von der Natur vorgegebener Interkuspidation beseitigte, um sie durch eine zahnärztlich-technisch optimierte zu ersetzen.

Die Patientin kam wegen eines vestibulären PAR-Abszesses an 26 bei exzellenter Mundhygiene, die eigentlich besser nicht sein könnte. Im Bild sind die bukalen Abhänge von 26 schon deutlich eingeschliffen. Wenn man bedenkt, wie lange diese Arbeit bereits benutzt wird, kann man sich vorstellen, wie diese Abhänge einmal ausgesehen haben als sie neu waren.

Die Patientin ist eine Zungenpresserin mit deutlichen Impressionen der UK-Zähne. Die Zähne im Seitenzahnbereich haben allesamt L=0-I/O der 26 deutlich I/0.

Es handelt sich ohne Zweifel um eine technisch sehr ordentliche Arbeit, die dem “state of the art” der letzten Zahnarztgeneration entspricht.

Jetzt schauen Sie mal, wie die Zähne nach 20 Jahren von vestibulär ausschauen. Jetzt kann man sich vorstellen, dass eine Aufbiss-Schiene sicher die bessere Therapie gewesen wäre als ein gnathologisch-technischer Rundumschlag.

Der Knochen-Befund im OPT ist auf den ersten Blick diskrepant vom klinischen Befund. Man würde einen viel stärkeren Knochenabbau erwarten. Hier ist er praktisch altersentsprechend.

Bringt man die Klinik mit dem OPT in Einklang, so kann man vermuten, dass die Patientin lediglich stark mit der Zunge und wahrscheinlich nur wenig mit den Zähnen presst. Sie hat auch keinerlei Kiefergelenkssymptomatik. Seit der Versorgung leidet sie jedoch unter kälteempfindlichen Zahnhälsen, die sie auf die Verwendung eines falschen Zementes zurückführt.

Wenn sie knirschen würde und dazu noch eine schlechtere Mundhygiene hätte, würden wir einen ausgeprägteren Knochenabbau, vertikale Einbrüche und freiliegende Bifurkationen sehen.

Beim nicht forcierten Schlussbiss zeigt sich eine sehr konkrete Verzahnung mit unauffälligen Kontaktpunkten. Legt man jedoch den Zeigefinger auf die vestibulären Zahnflächen und drückt leicht nach innen (und damit die gelockerten Seitenzähne in ihre physiologische Lage), so sieht man die dicken Fehlkontakte auf den ausgeprägten bukalen Abhängen, auf denen die Patientin zuerst aufkommt, um dann an ihnen herunter in die Zentrik zu gleiten, wobei die Seitenzähne seitlich nach vestibulär ausweichen müssen. Die Lockerungsgrade und die “langen Zähne” sind die logische Folge.

In diesem Fall sind die Abhänge ja nicht einmal maximal aufgewachst. Häufig sieht man noch wesentlich ausgeprägtere, jugendlichere Kauflächen. Bei Patienten mit neuen Kronen, die kältempfindlich bleiben, finden sich häufig Frühkontakte auf solchen Abhängen. Wenn sie noch steiler aufgewachst sind, sind diese extrem schwierig zu erkennen, da sie sehr punktförmig sind. Häufig erkennt man sie erst, wenn man aus der klinischen Erfahrung heraus ex juvantibus leicht abflacht und dabei aufrauht.

Sie führen häufig auch zumindest initial bei der Laterotrusion  mit, insbesondere wenn der Patient zunächst forciert zubeißt und erst dann erst zu schieben anfängt. Welcher Techniker wachst schon unter maximalem Druck auf (kann er ja gar nicht, weil die Gipszähne im Gegensatz zu den natürlichen Zähnen nicht resilient sind), und welcher Zahnarzt prüft die Zentrik und die Lateralbewegungen unter forciertem Zubeißen-Lassen?

Ein besonderes Problem gibt es hier übrigens bei wurzelbehandelten Zähnen, da diese wesentlich weniger resilient sind, wenn die Endo nach sorgfältiger Desinfektion erfolgt ist, und der Zahn dadurch zu ankylosieren beginnt. Wenn man einen erfolgreich endodontisch behandelten Zahn mit dem gleichen Kontakt aufwachst wie einen vitalen, kriegt er – obwohl er den wesentlich schwächeren Pfeiler darstellt -in der Folge wesentlich mehr Druck beim forcierten Zubeißen -und erfährt so ein okklusales Trauma- als der vitale, normal resiliente Zahn. Wir denken, dass das neben der häufig fehlenden Verblockung mit einem Nachbarzahn zu einer stabilen Einheit ein wesentlicher Grund für die zahlreichen Wurzel- und Kronenfrakturen endodontisch sorgfältig versorgter Zähne ist, über die so häufig berichtet wird.

Drei Szenarien sind in diesem speziellen Fall denkbar:

a) Es gab immer schon Fehlkontakte auf diesen Abhängen, die über das Trauma zu den Lockerungsgraden geführt haben. Diese haben dann im Sinne einer Selbstheilung dazu geführt, dass die Patientin in die Zentrik rutschen konnte, weil die OK-Zähne infolge des Traumas gelockert wurden und so eine leichte Grätsche machen konnten. Da das aber eine sehr ordentliche Arbeit ist, glauben wir das eher weniger.

b) Wahrscheinlicher ist es, dass die Patientin durch das Zungenpressen die UK-Zähne im Sinne einer sich dynamisch verändernden Okklusion ein wenig nach außen geschoben hat, so dass es in der Folge zu diesen Fehlkontakten gekommen ist. Die Okklusion ist ja kein statischer Zustand, wie es die Altvorderen noch geglaubt haben, sondern sie unterliegt vielmehr einer lebenslangen dynamischen Veränderung.

c) Es handelt sich um eine Kombination von beiden. Dafür spräche, dass die Patientin von Anfang an kälteempfindliche Zähne gehabt hat.

Für uns ergeben sich aus unseren klinischen Beobachtungen folgende Schlüsse:

a) Wir lassen nach einem Okklusionskonzept “Freedom in Centrik” aufwachsen, in dem der Patient in alle Richtungen frei schieben kann. Der Mensch will schließlich frei sein, auch in der Okklusion.

b) Je nach Gebisszustand und Alter heißt es auf dem Laborzettel: “Abrasiv”, “Stark abrasiv” oder “Extrem abrasiv”. Unsere Kronen im Seitenzahnbereich sehen vielleicht nicht so jugendlich schön aus wie gerade frisch durchgebrochene natürliche Zähne (bei den extrem Abrasiven kann man sogar einmal bei einem Gutachter der alten Schule auflaufen), sind dafür aber funkionel auf Dauer wesentlich gesünder und langlebiger. Mühsames Lockerbeißen von Zähnen im Sinne des Versuchs einer Selbstheilung wird dadurch zuverlässig vermieden.

c) Die Techniker sind angehalten, die Kontakte auf den Kronen wegen der fehlenden Resilienz etwas geringer zu gestalten als auf den noch vorhandenen natürlichen Zähnen. Deutlich geringere Kontakte lassen wir auf wurzelbehandelten Zähnen aufwachsen. Bei besonders schwachen Pfeilern schreiben wir “Gerade kein Kontakt”. Hierbei muss man sehen, dass es sich ja nicht um Millimeter, sondern lediglich um Mü handelt. Außerdem haben die Zähne ja die Tendenz sich zu verlängern. Sie werden also schon den Kontakt finden, der ihnen gut tut.

d) Wir prüfen die Okklusion auch, indem wir sagen: ” Jetzt bitte einmal fest zubeißen!”