Teleskopierende Arbeit in einem parodontal stark geschädigten Gebiss: Fallbeispiel 2

FavoriteLoadingAdd to favorites

Anhand des letzten Fallbeispiels haben wir gesehen, wie wir parodontal stark geschädigte Restgebisse mit hohen Lockerungsgraden früher mit teleskopierenden Arbeiten durch sekundäre Verblockungen relativ erfolgreich und langfristig funktionstüchtig versorgt haben.

Der folgende Fall zeigt, wie wir es aufgrund unserer Erfahrung heute anders und besser machen. Wir machen das so seit ungefähr 5 Jahren (1996). Bisher war noch in keinem der so versorgten Fälle eine Erweiterung erforderlich. Wir haben also seitdem nicht einen einzigen Zahn verloren. Auch die Zahl der notwendigen Unterfütterungen, die die Patienten ja gerne vergessen, wenn sie beschwerdefrei sind, was dann wie im ersten Fall nahezu zwangsläufig zu einer Vielzahl unnötiger Komplikationen (Lockerungen, Frakturen, usw.) führt, ist durch diese Form der Versorgung deutlich reduziert. Derart angefertigte Prothesen sitzen einfach bombig und unterscheiden sich in eingesetztem Zustand nur noch marginal von festsitzenden Arbeiten. Dass bei der herkömmlichen Versorgung typische Genackel an den stark geschädigten Pfeilerzähnen entfällt völlig.

Die Möglichkeit zur optimalen Mundhygiene mit Interdentalbürstchen ist entgegen dem ersten Eindruck durch die primäre Verblockung nicht eingeschränkt, sonder durch die besondere Gestaltung der Stege und der Verblockungen vielmehr optimiert. Die für die Abzugskräfte zu Verfügung stehenden Flächen sind nicht verkleinert, wie man zunächst vermuten könnte, sondern durch die individuell parallel gefrästen Stegverbindungen vielmehr vergrößert. Das führt dazu, dass die Reibung pro Flächenanteil klein gehalten werden kann, was das Rein- und Raus erleichtert und das ständige Genackel weiter vermindert, ohne den festen Sitz und die ideale Passform zu verringern.

Die unteren Bilder zeigen das, was noch von den OK-Zähnen übrig war, als wir in 2001 endlich mit der Neuversorgung beginnen konnten. So lange kann der Rechtsweg in Deutschland dauern, wenn ein Patient seine berechtigten Forderungen gegen einen uneinsichtigen Vorbehandler durchsetzen muss. Die Frontzähne, der 18, und der 14 waren nicht oder nicht mehr erhaltungsfähig. Bis auf 18, 27 und 24 sind alle Zähne mit hohen Lockerungsgraden bis L=II ausgestattet. Die anderen Pfeiler konnten mit der Timbuktu-Methode ebenfalls auf L=0 gebracht werden.

Von “Pfeilern” im eigentlichen Sinne kann man wie man deutlich sieht nicht mehr wirklich sprechen.

1. prothetische Sitzung: WFs, Aufbaufüllungen mit Kunststoff in SÄT, Beschleifen, Abdrücke

2. prothetische Sitzung: Einprobe ungefräste Innenteile, Über-Abdruck mit Impregum und individuellem Löffel

3. prothetische Sitzung: Registrierung mit Meistermodell

4. prothetische Sitzung: Einprobe der individuell gefrästen Innenteile, Wachseinprobe Sekundärteile

5. prothetische Sitzung : Zementieren der fertigen Arbeit

Ein gutes Labor und eine lange gemeinsame Erfahrung von Techniker und Zahnarzt vorrausgesetzt, kann man nach Abschluss der Vorbehandlung (Extraktionen, Revisionen, Par-Behandlung, usw.) selbst eine solch komplexe und komplizierte Versorgung einschließlich der erforderlichen WF’s nach einer langen und 4 relativ kurzen prothetischen Sitzungen eingliedern.

Dem Ungeübten ist sicher anzuraten, einige Zwischenschritte einzulegen bis sowohl er als auch sein Techniker die notwendige Erfahrung gesammelt haben und das perfekte Zusammenspiel zwischen Labor und Praxis gesichert ist.

Wenn alles normal läuft, können die Patienten diese Arbeit beim ersten Kontrolltermin am Tag nach dem Zementieren (alles wurde auf einmal zementiert und für einen Tag so belassen) problemlos ein und ausgliedern, ohne das irgend etwas an der Arbeit korrigiert werden muss.

Stege sind in den letzen Jahren zu Unrecht verlassen worden. Das ist nicht nur unsere Meinung, sondern wir befinden uns da in guter Gesellschaft mit erfahrenen Schweizer Prothetikern, deren Arbeiten auf diesem Gebiet leider noch zu wenig beachtet werden. Das wird sich aber ändern.

In diesem Sinne werden primäre Verblockungen, insbesondere über individuell gefräste Stege,  im desolaten Restgebiss eine Renaissance erleben. Je eher man sich also mit dieser Technik im Sinne der Zahnerhaltung und der langfristigen Vermeidung von Erweiterungen vertraut macht, desto besser. Nicht nur für die Patienten.