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Definition

Als Psychosomatik (Syn.: Klinische Psychophysiologie, Psychosomatische Medizin) werden „systematische Ansätze zur Erforschung von Zusammenhängen zwischen psychischen Prozessen und relativ überdauernden Störungen umschriebener Organ- bzw. Körperfunktionen definiert“. Es handelt sich also um den „körperlichen Ausdruck krankmachender psychischer Be- und Überlastungen aufgrund von längerfristigen Auseinandersetzungen mit unlösbar erscheinenden Lebensfragen oder persönlichen Konflikten“.

Psychosomatische Störungen oder Erkrankungen betreffen das Herz-Kreislauf-System, die Atemwege, den Magen-Darm- und Urogenitaltrakt und den Schlaf-Wach-Rhytmus auf dem Weg über unwillkürliche und unwissentliche Veränderungen von neurohumuralen  und neurovegetativen Grundvorgängen sowie über das Immunsystem, letzteres mit den Folgen einer herabgesetzten körpereigenen Abwehr gegen Infektionen und Allergien. Nach Schätzungen des Berufsverbandes der Praktischen Ärzte und Ärzte für Allgemeinmedizin Deutschlands haben mindestens 30 bis 40 Prozent aller körperlichen Beschwerden seelische Ursachen.

Psychosomatik und Zahnheilkunde

Psychosomatische Erkrankungen kommen in allen Fachgebieten der Humanmedizin vor. Überraschend ist, dass trotz Ihrer beeindruckenden Häufigkeit in der humanmedizinischen Allgemeinpraxis im Wörterbuch der Psychologie unter den Stichwörtern „Psychosomatik“ und „Psychosomatische Störungen“ abgesehen vom allgemeinen Begriff „Kopfschmerzen“ nicht ein einziges psychosomatisches Krankheitsbild aus dem zahnheilkundlichen Bereich aufgeführt ist.

Dass auch in der Zahnheilkunde somatische Erkrankungen mit psychischen Ursachen gehäuft vorkommen,  wird mittlerweile von maßgeblichen Repräsentanten des Fachgebietes anerkannt und geäußert. Diese neueren Erkenntnisse haben aber in Deutschland im Gegensatz z.B. zu Schweden bisher praktisch keinen Eingang in die zahnärztliche Ausbildung und nur sehr wenig Verbreitung in der zahnärztlichen Praxis gefunden. Die zahnärztliche Praxis ist nach wie vor von einer rein mechanistischen Vorstellung zahnärztlichen Handelns geprägt, und zwar sowohl auf Seiten der Zahnärzte wie auch auf Seiten der Patienten.

Es besteht hier als auffälligstes Beispiel durchaus die Möglichkeit, seine Prothese zur Reparatur abzugeben. Diese starre Fixierung auf Ursache und Wirkung überträgt sich natürlich auch auf andere Phänomene im Mund, wie z.B. Schmerzen unklarer Genese. Der Zahnarzt braucht schließlich nur irgend etwas zu machen, und der Patient ist geheilt. Selbstverständlich und zum Glück ist das ja auch meistens so. Manchmal aber eben auch nicht. Diese Erwartungshaltung bezüglich des Therapiegeschehens hat der Patient schon vor dem ersten Zusammentreffen mit dem Zahnarzt, und der Gedanke an eine Mitbeteiligung der Seele ist ihm fremd. Dabei trifft der Zahnarzt  anders als früher in seiner täglichen Praxis mit deutlich steigender Tendenz auf Patienten, die über unspezifische Schmerzen oder Missempfindungen im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich klagen und nicht in dieses linear-kausale Schema passen.

Diese Patienten haben nicht selten eine längere Leidensgeschichte mit zahlreichen Behandlerwechseln und vergeblichen Therapieversuchen hinter sich, bevor die richtige Diagnose gestellt wird, zumal die psychogene Genese von Schmerzen bei Zahnärzten sehr stark mit dem Begriff „Simulation“ besetzt ist.

Das ärztliche Gespräch würde dem Zahnarzt bei extremen Fällen in dieser Situation die Möglichkeit der Psychodiagnostik eröffnen. Es würde die Grundlage zur Therapieentscheidung und für eine eventuell notwendige Überweisung schaffen.

Leichtere Fälle können zum Glück in ihrer zahnärztlichen Manifestation relativ schnell symptomatisch behandelt und gelöst werden, ohne in ein psychotherapeutisches Gespräch eintauchen oder gar in eine Psychotherapie einsteigen zu müssen.

Die Behandlung schwererer oder schwerer Fälle setzt aber eine gründliche psychosomatische Ausbildung voraus, die dem Zahnarzt bisher fehlt. Aber auch wenn er die richtige Diagnose stellt und den Patienten überweisen will, ist er mit erheblichen Problemen konfrontiert, da die Fachärzte bis auf wenige Spezialisten nicht über das erforderliche zahnmedizinische Basiswissen verfügen, was den interdisziplinären Austausch kompliziert.

Auf der anderen Seite wollen die Patienten sich häufig nicht psychotherapeutisch behandeln lassen, da für sie der körperliche Schmerz das kleinere Übel zu dem dahinterstehenden seelischen Schmerz darstellt.

 Zwischen 1984 und 1987 wurde an der Universität Mainz erstmalig in einer interdisziplinären Kooperation der Versuch unternommen, die betroffenen Patienten einer Psychotherapie zuzuführen. Von den 150 als psychosomatisch erkrankt diagnostizierten Patienten konnten aber lediglich 10 % zu einer psychotherapeutischen Behandlung motiviert werden.

 Die Myoarthropathie

Im Zentrum des Krankheitsbildes stehen vor allem die Muskelverspannung, die Funktionsschädigung und der Schmerz. Wesentlicher Äthiologiefaktor sind die psychoemotionalen Spannungszustände. Der psychisch induzierte Hypertonus der Kaumuskulatur führt zu langfristig erhöhten, unphysiologischen Zahnkontakten, den sogenannten Parafunktionen. Knirsch- und Pressphänomene stellen sich ein. Auf diese Weise wird ein für die Erkrankung der Gelenke und der Muskulatur notwendiges traumatisches Potential erreicht. Reaktive Verspannungen der Muskulatur (Tendomyosen) des Kiefer-Gesichts-Hals-Bereichs sind die Folge. Wenn diese Verspannungen der Muskulatur sowie die damit verbundene Bewegungseinschränkung des Unterkiefers lange genug bestehen und ein kritisches Maß überschreiten, kann es zu deformierenden Kiefergelenksveränderungen kommen. Die häufigste Schädigung des Kiefergelenks ist eine Überdehnung des Kapsel-Bandapparates. Kompressionsschäden werden allerdings laut Prof. Meyer (Greifswald) erheblich unterschätz.

Etwa 74% der Myoarthropathien entstehen auf der Basis solcher Parafunktionen. Diese schädlichen Angewohnheiten und Ersatzhandlungen, zu denen auch das Daumenlutschen als Hauptursache der Kieferanomalie bei Kindern gehört, sind weit verbreitet. In einer Studie von Ronneburg aus dem Jahre 1979 an 200 Studenten fand sich bei 95 % zumindest ein Zeichen von Parafunktionen, als da sind Schliffflächen an den Zähnen, Schmelzrisse, Zahnfleischretraktionen, Stillman-Spalten, Kaumuskelhypertrophien oder McCall-Girlanden. In den allermeisten Fällen löst dieses Verhalten keine subjektiven Beschwerden und dauerhaften Schäden aus, es bleibt im adaptierten und kompensierten Bereich.

Parafunktionen gehören demnach zum normalen, allgemeinmenschlichen Verhalten. Erst dort, wo das Verhalten über Jahre hinweg in einer Intensität und Dauer ausgeübt wird, die vom System nicht mehr toleriert werden können, so dass es zu Beschwerden und größeren Schäden kommt, sind sie als pathologisch anzusehen“

Der Häufigkeitsgipfel der Myoathropathie liegt in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts, wobei Frauen angeblich dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Die Häufigkeit und die Schwere der Folgeschäden nimmt ständig zu. Zwar ist die Entwicklung  nur schwer abzuschätzen, da die notwendigen Basisdaten für einen statistischen Vergleich dieses Krankheitsbildes in seinen verschiedenen Formen fehlen. Auf dem Gebiet der Myoarthropathie erfahrene Kliniker bestätigen jedoch diese Einschätzung. „In der von mir geleiteten Abteilung ist in den letzten 25 Jahren eine anteilige Häufigkeitsverschiebung der Myoarthropathie von circa 1 % auf 10 bis 15 % eingetreten“ (Willi Schulte, „Die exzentrische Okklusion“).

Die starke Einbeziehung des Kauorgans in emotionale Prozessen wird anhand von Zitaten aus der Literatur und an Redewendungen der Umgangssprache deutlich. So schreibt Goethe am 10. November 1767 in einem Brief, in dem er seine Gefühlsqualen angesichts eines erfolgreichen Nebenbuhlers schildert: „…denn wenn man knirscht, kann man nicht weinen“. Und im alten Testament findet sich der Ausspruch: „…ich bin verstummt und still und schweige der Freuden und muss mein Leid in mich fressen“ (Lutherbibel, Psalm David, 39.3). Der Volksmund spricht von “ jemandem die Zähne zeigen“, „zerknirscht sein“, „verbissen sein“, „Probleme durchkauen“, „Zähne zusammenbeißen und durch“, „sich an etwas festbeißen“, „sich in etwas verbeißen“, und nicht zuletzt vom „Ins Gras beißen“. Nicht überraschend ist, dass es diese Redewendungen in den meisten Sprachen gibt.

Solche Redewendungen sind das Ergebnis Jahrhunderte langer genauer Beobachtungen dessen, was die Leute so machen und treiben. Wenn man durch „schlechte Gewohnheiten“, zu denen auch das Zungenpressen gehört, entstandene Gebissschäden beobachtet, bilden diese Ausdrücke eine ausgezeichnete Möglichkeit, mit den Patienten ins Gespräch zu kommen und ihnen die Zusammenhänge zu verdeutlichen.

Wir haben gelernt, dass sich die Ober- und Unterkieferzähne nur beim Schluckakt ohne wesentlichen Kaudruck berühren, und dass sämtliche anderen Zahnkontakte, insbesondere solche, die mit einem gesteigerten Kaudruck einhergehen, als unphysiologisch und als „Missbrauch der Zähne“ einzuordnen sind.

Ferner wissen wir jetzt, dass das Hirn den Schluckakt, in der „Mensch“ die Schlussbissstellung einnimmt, dazu nutzt, die Muskeln zu zentrieren. Bei idealen Okklusionsverhältnissen und entspannten Menschen führt das zu einer entspannten Kaumuskulatur. Aber wer hat das oder ist das schon in diesen harten Zeiten?

Bei natürlichen (z.B. Zahnverlust mit Kippung der Nachbarzähne in die Lücke) oder iatrogen durch den Zahnarzt gesetzten Früh- und/oder Fehlkontakten (z.B. zu hohe Krone) dient diese zentrale Zentrierung dazu, dennoch schnell und effektiv in diese Schlussbissstellung zu finden. Dafür zahlt man jedoch einen Preis. Nämlich den eines ständig gesteigerten Tonus eines, mehrerer oder gar aller Mundschließer.

Zuletzt scheint es noch eine weitere Gruppe von Menschen zu geben, die unabhängig von den bestehenden Okklusionsverhältnissen ganz allgemein unter einem gesteigerten Tonus der Muskulatur leiden, und zwar völlig unabhängig davon, ob diese Muskulatur ganz oder teilweise vom Willen gesteuert ist oder nicht.