Pressen und Parodontologie (1)

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Bei dieser Patientin (rechtes OPT aus 1992) handelt es sich um eine Frau, auf die die Beschreibung des Volksmundes passt, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes “mit zusammen gebissenen Zähnen durchbeißt”. Das sieht man auch deutlich in der Übersicht. Nachdem sie vorher von Pontius nach Pilatus gerannt und ihr nur mit der Zange und herausnehmbarem Zahnersatz (die Implantologie war damals zum Glück noch nicht so weit verbreitet) gedroht worden war, hatte Sie einen Spezialisten aufgesucht, der ihr – obwohl sie gesetzlich versichert und keinesfalls Großverdienerin war- einen Kostenvoranschlag über 30.000,- Mark gemacht hatte ( Extraktion der beiden 8-ter (also der einzigen festen Zähne im gesamten Mund!!), offene Currettage mit Knochen-Augmentation (autologer Knochen, Membranen), anschließend präprothtische KFO für die bereits leicht aufgefächerte Front und Versorgung mit zahlreichen Keramik-Einzelkronen und Keramik-Inlays.

Durch die lange Leidensgeschichte und die zahlreichen Zahnarztkontakte kannte sich die Patientin bereits recht gut aus. So hatte sie bereits einen Augmentationsversuch mittels Membran-Technik im linken oberen Quandranten erfolglos hinter sich gebracht. Außerdem konnte sie sich die vorgeschlagene Therapie gar nicht leisten, was in manchen Fällen auch von Vorteil sein kann.

Befund:
Bis auf den 18 und den 28 (keine Gegenbezahnung!!, L=0) weisen alle Zähne deutliche Lockerungsgrade auf, im Durchschnitt L=1-2, der wurzelgefüllte 17 L=sehr deutlich über 2. Die Front ist leicht protrudiert und aufgefächert bei Kontakt in Schlussbissstellung. Die Mundhygiene ist nicht schlecht, für einen solchen klinischen Zustand aber bei weitem nicht ausreichend. Trotz zweier Parodontitis-Behandlungen durch unterschiedliche Kollegen war eine Unterweisung im in solchen Fällen unabdingbaren, regelmäßigen Gebrauch von Interdentalbürstchen nicht erfolgt.. Beim Melken der Taschen war kein Pus herauszudrücken, was das Vorliegen einer therapieresistenten Parodontitis eher unwahrscheinlich machte. Insgesamt zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Grad der Entzündung und dem Knochenbefund.

Therapie:

Extraktion von 17 und Entlastung der Front durch leichtes Einschleifen im UK. Einen Zahn wie diesen 17, der nur noch im Bindegewebe steht, muss man schnell extrahieren, da er eh nicht zu reinigen und dauerhaft zu halten ist, die Gefahr besteht, dass sich ein von ihm ausgehender entzündlicher Prozess von selbst unterhält, und der Knochen am 18 und am 16 unnötig leiden wird. Anschließende Aufklärung nach Schema über die Ursachen ihrer Erkrankung, eindringliche Instruktion (Interdentalbürstchen nach jedem Essen), adjustierte Aufbissschiene, Vorbehandlung, geschlossene Kurrettage. Das extensive Kauen von Kaugummi, das ihr Hobby war, wurde ihr untersagt. Nachdem über einen längeren Zeitraum L=0 erreicht war, wurden die unteren sechser und siebener mit Teilkronen versorgt und verblockt. Die Verblockung war angezeigt, um die Zähne zusätzlich zu stabilisieren (Schaffung von stabilen Einheiten) und der Gefahr schlechter Kontaktpunkte vorzubeugen, die bei endständigen Zähnen mit reduziertem Knochenangebot durch leichtes Auswandern gegeben ist. Anschließend wurde die OK-Front mit einem einfachen, herausnehmbaren KFO-Gerät zurückgestellt. Lebenslange Schienentherapie.

Die eigentliche Ursache ihrer Erkrankung (extensives Pressen) war keinem Kollegen aufgefallen, was man daran sieht, dass niemand jemals von einer Schiene gesprochen hatte. Die schädlichen Folgen von Knirschen und Pressen ist wohl das auch international meist unterschätzte Phänomen in der Zahnheilkunde, insbesondere auch in der Parodontologie

Wenn es nach uns ginge, würden wir gerne ein Brücke von 16 nach 18 eingliedern, um die rechte Seite weiter zu stabilisieren. Wir meinen auch zu erkennen, dass es mesial 16 zu einem leicht zunehmenden Knocheneinbruch gekommen ist. Das mag aber auch an der unterschiedlichen Projektion liegen. Die Patientin ist aber im Moment so zufrieden mit dem erreichten, stabilen Zustand, dass sie die fragliche Notwendigkeit nicht einsehen mag. Sie kommt inzwischen nur noch einmal jährlich zum Recall.

Anweisung an den Patienten:

Wenn Sie Ihre Zähne erhalten wollen, müssen Sie die Zahnzwischenräume nach jedem Essen besonders gründlich mit Interdentalbürstchen reinigen. Mit einer normalen Zahnbürste haben Sie keine Chance. Außerdem müssen Sie wahrscheinlich für den Rest Ihres Lebens eine Aufbisschiene tragen, um Ihre durch den Knochenabbau geschwächten Zähne vor übergroßen Kaukräften zu schützen.
Basic:

Die Kombination aus Parodontitis und Knirschen/Pressen ist wohl das Schlimmste, was einem Gebiss zustoßen kann. In solchen Fällen sehen wir furchtbare Folgeschäden auch schon in relativ jugendlichen Gebissen.

Den Mechanismus, der in solchen Fällen greift, kann man sich mit folgendem Bild deutlich machen:

Stellen Sie sich vor, dass Sie einen Nagel, der nicht zu tief (zwei Drittel im Holz, ein Drittel draußen) in nicht zu hartem Holz steckt (Knochen). Wenn Sie den Nagel ohne Zange entfernen wollen, brauchen Sie nur geduldig an ihm herumwackeln (nicht axiale Fehl- und Überblastung bei Knirschen/Pressen, Zahnbewegungen). Mit der Zeit werden Sie den Bereich des Holzes, in welchem der Nagel steckt ausweiten (erweiterter Parodontal-Spalt). Irgendwann werden Sie den Nagel in der Hand haben.

Bei Parodontitis passiert noch zusätzlich Folgendes. Der erweiterte Parodontalspalt bildet eine willkommene Eintrittspforte für die Bakterien (Erreger brauchen immer eine Eintrittspforte), durch die sie weiter in den Knochen und in die Tiefe des Parodontalspaltes vordringen können. Durch die Entzündung und die mt ihr verbundene ödematöse Schwellung sind die Fasern des Zahnhalteapparates und des umgebenden Knochens aufgequollen und der Verbund aufgelockert. Das erleichtert Zahnbewegungen bei Überlastung und fördert den Knochenab- und umbau.

Über diesen Mechanismus kommt ein Teufelskreis in Gang. Durch den Knochenabbau ist immer weniger Zahn im Knochen und immer mehr Zahn im Mund. Die Hebelkräfte werden also zunehmend ungünstiger, und die Kräfte, die auf den Restknochen einwirken immer größer, was eine exponentielle Beschleunigung dieses Knochenabbauprozesses begünstigt.