Teleskopierende Versorgung im parodontal stark geschädigtem Restgebiss

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Dieser Patient suchte uns Anfang 1997 wegen einer Zweitmeinung auf, weil ihm vom vorbehandelden Kollegen die Extraktion aller seiner verbliebenen Frontzähne und die anschließende Versorgung mit einer Totalprothese angeraten worden war. Alle Zähne waren parodontal sehr stark vorgeschädigt und wiesen hohe Lockerungsgrade auf.

Nach Extraktion des bis weit in die Wurzel kariösen 12, Vorbehandlung und erfolgreicher Motivation wurde zunächst eine Parodontitisbehandlung (geschlossene Kurrettage) durchgeführt. Nach der Entfernung der alten Versorgung erwiesen sich bis auf 11 die Zahnkronen dermaßen zerstört, dass Wurzelbehandlungen nach der Timbuktu-Methode durchgeführt werden mussten. Die Restkronen wurden mit Kunststoff in Säure-Ätz-Technik neu aufgebaut, stark eingekürzt, tief beschliffen (finale Kurrettage), parallelisiert und mit einem verblockten Provisorium versorgt. Durch diese radikalen zahnerhaltenden Maßnahmen konnten die Lockerungsgrade bereits bis auf maximal L=0-1 reduziert werden.

Anschließend erfolgte die prothetische Versorgung mittels unserer modifizierten Teleskoptechnik mit primärer Verblockung der Innenteleskope über parallel-gefräste Stege und Suprakonstruktion in Einstück-Gusstechnik. Beachten Sie bitte Aussparungen an den Stegen nahe der Innenteleskope und die hohe Verblockung an den benachbarten, primär verblockten Teleskopen, die mit Interdentalbürstchen mühelos zu reinigen sind. Nach Zementierung der verblockten Innenteile ergibt sich ein Lockerungsgrad der Gesamtkonstruktion von L=0.

Durch die Parallel-Fräsung der Stege und die im Einstück-Gussverfahren hergestellte Suprakonstruktion ergibt sich eine solide Verteilung aller angreifenden, häufig unphysiologische starken Kräfte auf die aufgrund der Vorerkrankung naturgemäß stark geschwächten Pfeiler, die ihrerseits durch die primäre Verblockung maximal vor erneuter Lockerung geschützt sind. Darüber hinaus resultiert aus dieser Technik eine optimale Vergrößerung der parallelen Flächen, die eine Minimierung der notwendigen Abzugskräfte pro paralleler Einheit beim Herausnehmen der Prothese durch den Zahntechniker zulässt. Durch die dadurch möglich werdende massive Kürzung der Pfeiler entfällt gleichzeitig das ständige “Genackel” an den Pfeilerzähnen beim Rausnehmen und Einsetzen der Suprakonstruktion. Bei weniger zerstörten Zähnen kann bei ausreichender Pfeilerzähnen auf eine palatinale Verbindung der beiden Sättel häufig ganz verzichtet werden, bzw. diese sehr zierlich ausgeführt werden.

Eine solide Zahntechnik und regelmäßige Unterfütterungen vorausgesetzt passt eine solche Arbeit wie “der Schlüssel in einem Schloss”, ist vom Patienten einfach einzusetzen und zu entfernen und steht im Komfort einer implantatgestützten, steggetragenen Versorgung in nichts nach.

In einem solchen Fall einer extrem zahnerhaltenden Versorgung bei desolater Pfeilersituation macht es durchaus Sinn, sich vorher mit dem Patienten über seine Erwartung bezüglich des Verbleibens in situ zu unterhalten. Dieser Patient erklärte uns damals, er wäre froh, wenn ihm die Totalprothese 5 Jahre erspart würde. Nun, die 5 Jahre sind jetzt fast abgelaufen, und es sieht weder klinisch noch röntgenologisch so aus, als würden die Zähne morgen rausfallen. Ein weiterer wesentlicher parodontaler Knochenabbau hat in dieser Zeit offensichtlich nicht stattgefunden.

Wir halten diese modifizierte Technik der telekopierenden Versorgung im desolaten Restgebiss für richtungs- und zukunftsweisend. Die Idee zu dieser Modifikation ist uns aufgrund der Erfolge mit steggetragenen Versorgungen auf Implantaten im bereits zahnlosen Kiefer und unserer guten Erfahrung mit primär verblockten, festsitzenden Arbeiten gekommen. Warum sollte auch für Arbeiten auf osseointegrierten (partiell ankylosierten) Implantaten statisch etwas anderes gelten als für natürliche Pfeiler? Die Richtigkeit unserer Überlegungen und Maßnahmen zeigt sich auch an der folgenden klinischen Erfahrung:

Seitdem wir diese modifizierte Technik konsequent anwenden,  mussten wir  – im Gegensatz zu herkömmlichen telekopierenden Versorgungen im desolaten Gebiss – noch nicht eine einzige Erweiterung machen, und wir sind recht zuversichtlich, dass das noch eine Weile so bleibt.