Es wird eng, meine Herren!

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Hier sehen Sie OPT-Ausschnitte eines Patienten, der sich  nach 8 Jahren Abwesenheit unerwartet wieder vorstellte. In 2002 hatten wir ihn wegen einer typischen druckdolenten vestibulären Schwellung behandelt und den Zahn, nachdem klinische Beschwerdefreiheit erreicht war, anlässlich des WF-Termins gleich überkront. Die Kontrollaufnahme nach 8 Jahren erfolgte bei anhaltend klinischer Beschwerdefreiheit und unauffälligen Knochenverhältnissen.

Am Ausheilungsmuster des Knochens um die mesiale Wurzel erkennt man sehr schön, dass es sich damals wahrscheinlich nicht nur um ein Granulom, sondern bereits um eine zystische Veränderung gehandelt hat. Hier wäre eine Histologie interessant, die man aber  heute – im Gegensatz zu früher – wohl nicht mehr bekommen kann. Man würde (wie damals) direkt an der Wurzelspitze wahrscheinlich eine sterile narbige Ausheilung feststellen. Dass es solche Ausheilungen gelegentlich gibt, wurde von Engel bereits zur Mitte des letzten Jahrhunderts in einem von 18 Fällen nachgewiesen.

Wir haben mit Absicht mittels OPT kontrolliert, zumal die Anfertigung nach 8 Jahren nach Sanierung und ohne zwischenzeitlichen Zahnarztbesuch indiziert war. Das OPT (Schichtaufnahme) zeigt ja häufig wesentlich deutliche (Rest)Befunde als der Zahnfilm, bei dem sich viele Strukturen übereinander projezieren. Im Zahnfilm, den wir dem Patienten erspart haben, würde man wahrscheinlich eine vollständige röntgenologisch knochendichte Ausheilung sehen. Zu fürchten ist, dass dieser Fall nach Anfertigung eines DVTs aufgrund seiner (noch lange) nicht ausreichenden Abbildungsqualität, die die Kollegen zu sehr phantasievollen Befundungen verleitet, als Revisionsfall eingeordnet würde.

Und für wen wird es nun eng? 

Für die aktuelle Lehrmeinung in der Endodontie, die das Spülen mit hochkonzentrierten NaOCl-Lösungen dogmatisiert, obwohl wissenschaftlich erweisen ist, dass die Spülungen mit höher als 1%igen Lösungen die Erfolgsquote in der Endodontie nicht verbessern.

Die weiter unten angehängte Studie – und Hope ist ja nicht irgendwer – belegt das, was ich nunmehr seit beinahe 15 Jahren nachgerade gebetsmühlenhaft wiederhole, was Otto Walkhoff und Kollegen schon vor beinahe einem Jahrhundert bewiesen haben, und was Nair aus Zürich und Lin aus Israel in diesem Jahrtausend mit ihren histologisch-molekularbiologischen Untersuchungen bestätigt haben:

Das endodontische Protokoll nach der aktuellen Lehrmeinung funktioniert nicht etwa deshalb nicht, weil die zur Anwendung gebrachten Desinfektionsmittel nicht wirksam sind. Es funktioniert vielmehr deshalb nicht, weil diese Desinfektionsmittel gar nicht dorthin gelangen (können), wo sich die Bakterien aufhalten. Und wo halten sich die Bakterien auf? Potentiell überall: Im gesamten endodontischen Hohlraumsystem (incl. Tubuli), im Peridontalraum und im Granulom!

Darüber hinaus zeigt die Studie zum wiederholten Mal sehr deutlich, warum es überhaupt keinerlei Sinn macht, NaOCl in einer höheren als 1%igen Lösung anzuwenden, also die Patienten – ohne sie darüber zu informieren – vermeidbaren Gefahren auszusetzen, indem man die in Deutschland bestehende Kontraindikation für die Anwendung konzentrierter Hypochlorid-Lösungen bei offenen foramen apikale missachtet.

Wann ist ein Loch offen oder geschlossen? Durch das foramen apikale verläuft der Gefäß-Nervenstrang. Dieser reißt bei einer VitE unkontrolliert ab und zerfällt bei einer Gangrän putride. Und weder röntgenologisch noch klinisch besteht die Möglichkeit festzustellen, ob das Foramen nun offen oder geschlossen ist.

Hier ist der den Zahn 35 versorgende Nerv offensichtlich direkt am n. alveolaris inferior abgerissen und hat eine zum Abfüllen ausreichend starke Verbindung zwischen Hauptkanal und canalis mandibularis inferior geschaffen. Man kann sich leicht vorstellen, was hätte passieren können, wenn hier mit konzentriertem Hypochlorid gespült und ein klein wenig zuviel Druck ausgeübt worden wäre: Die Patientin hätte eine große Chance auf eine irreversibel taube Lippe gehabt!

Hier nun das Abstract der Studie:

A direct comparison between extracted tooth and filter-membrane biofilm models of endodontic irrigation using Enterococcus faecalis.

Arch Microbiol. 2010 Jul 23;

Authors: Hope CK, Garton SG, Wang Q, Burnside G, Farrelly PJ

Endodontic restorations often fail due to inadequate disinfection of the root canal even though the antimicrobial irrigants used have been shown to be capable of killing the bacterium frequently implicated in this complication, Enterococcus faecalis (Ef). Extracted human teeth were root-prepared and filled with a liquid culture of Ef. Following incubation, the root canals were irrigated with 1% sodium hypochlorite (NaOCl), electrochemically activated water or saline control. Irrigation was modelled using an electronic pipette to deliver the solutions at a reproducible flow velocity. A series of parallel experiments employed a membrane biofilm model that was directly immersed into irrigant. Experimental conditions where contiguous between the extracted tooth model and biofilm model wherever possible. After 60 s of exposure, 1% NaOCl effectively sterilised the biofilm model, whereas log 3.36 viable Ef where recoverable from the analogous extracted tooth model, the other irrigants proved ineffective. Biofilms of Ef were susceptible to concentrations of irrigant that proved ineffective in the tooth model. NaOCl was the most effective biocide in either case. This suggests that the biofilm modality of bacterial growth may not be the most important factor for the recalcitrance of root canal infections during endodontic irrigation; it is more likely due to the inability of the irrigant to access the infection.

PMID: 20652229 [PubMed – as supplied by publisher]