FKb042008 (1)

Privat versichert in München?

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Es war schon immer etwas gefährlicher, in einer Stadt wie München privat versichert zu sein.

Diese etwa dreißigjährige intelligente Patientin stellte sich mit Beschwerden beim Kauen und temperaturempfindlichen Zähnen wegen einer Drittmeinung bei uns vor. Vor gut einem Monat hatte sie sich in allen Quadranten ihre nicht besonders großen Amalgamfüllungen durch Kunststofffüllungen austauschen lassen. Es handelte sich um einen Zustand nach KFO-Behandlung.

Die Füllungen zeigten sich bei der klinischen Untersuchung als ausgesprochen sorgfältig gelegt und ausgearbeitet. Solche schönen Kunststofffüllungen sieht man wirklich nicht oft. Insbesondere die beiden unteren Sechser waren auf Kältereiz ausgesprochen sensibel, wobei das Missempfinden insbesondere an 46 längere Zeit anhielt. Bei der manuellen Funktionsanalyse waren keinerlei Kiefergelenksgeräusche oder -Auffälligkeiten zu eruieren. Bei der Überprüfung der Okklusion in entspannter Zentrik war ein auffälliges “Klick, Klick” als deutlicher Hinweis auf das Vorliegen von Frühkontakten zu vernehmen. Bei Vorliegen einer physiologischen Okklusion hört sich das im Gegensatz dazu ja eher nach “Klock, Klock” an. Es fanden sich dann auch allgemeine, insbesondere aber auf den ausgesprochen schön ausgeformten vestibulären Höckerabhängen von 36 und 46 deutlich ausgeprägte okklusale Frühkontakte, die dazu führen, dass die Zähne nach erstem Kontrakt in die Zentrik abgleiten und diese insbesondere beim Kauen systematisch traumatisieren. Das führt zu einer zunehmenden Empfindlichkeit zunächst auf Kälte, später auch auf Wärme.

Diese Fehlkontakte haben wir in einem ersten Schritt solange konsekutiv eingeschliffen, bis in entspannter Zentrik ein sonores “Klock. Klock” zu vernehmen war. Das hatte zur Folge, dass die Patientin ihren Biss sogleich als sowohl verändert als auch angenehmer empfand. Wenn die obligatorische Frage: “Ist das jetzt angenehmer?” beim selbständigen Schlussbiss mit einem überzeugten “Ja” beantwortet wird, ist das in aller Regel ein sicheres Zeichen dafür, dass man auf dem richtigen Wege ist. Wenn die Patienten angeben, keinen Unterschied zu bemerken, ist man in der Regel entweder auf dem Holzweg, oder aber man hat die Frühkontrakte nicht erwischt. Wenn es aber vorher “Klick, Klick” gemacht hat und nachher “Klock, Klock” macht, dann wird der Patient diese Frage praktisch immer mit einem deutlichen “Ja” beantworten.

Die Bissflügel-Aufnahmen zeigen, dass die Füllungen nicht besonders groß und auch im klinisch nicht einsehbaren Bereich lege artis gelegt wurden. Der Einzelfilm des besonders hypersensiblen 46 zeigt eine relativ diskrete Aufhellung an der distalen Wurzel. Man muss hier jedoch bedenken, dass es sich um einen Zustand nach KFO-Behandlung handelt. Da kommt es ja gelegentlich zu mehr oder weniger diskreten Wurzelresorptionen. Die Füllung ist relativ klein und erreicht nicht die Nähe der gut ausgebildeten Pulpenhörner. Alles zusammen also kein Grund, sofort eine VitE durchzuführen, sondern vielmehr in Ruhe abzuwarten, ob die geschilderten Beschwerden nicht nach Beseitigung der iatrogenen Früh- und Fehlkontakte nach ein paar Tagen sistieren, bzw. zumindest reduziert sind. Dies um so mehr als die Beschwerden nicht unerträglich sind und bereits seit geraumer Zeit bestehen und toleriert wurden.

Anamnestisch gab die Patientin an, den behandelnden Zahnarzt mehrfach aufgesucht zu haben. Dieser sei aber irgendwann am Ende seines Lateins gewesen und habe sich ihre Beschwerden nicht erklären können. Sie habe dann einen Spezialisten für “Biss” (mit entsprechendem akademischen Titel) aufgesucht. Dieser habe ihr erklärt, ihre Füllungen seien schlecht ausgeführt worden,  und es sei offensichtlich minderwertiges Material verwendet worden. Sie sei zwar nicht in der Weise untersucht worden, wie wir es gemacht hätten, dafür seien aber spezielle Röntgenaufnahmen der Kiefergelenke angefertigt worden. Auf diesen Aufnahmen habe der Spezialist eindeutig Bandscheibenvorfälle in beiden Kiefergelenken diagnostizieren können. Er habe ihr dann erklärt, dass zur Behebung ihrer Beschwerden in einem ersten Schritt eine umfangreiche Schienentherapie erforderlich sei, um den Biss richtig einzustellen, der wegen der Füllungstherapie in allen 4 Quadranten vollständig verloren gegangen sei. Anschließend müsse der richtige Biss dann fixiert werden. Dazu sei eine umfangreiche Neuversorgung mit hochwertigen Keramikrestaurationen erforderlich. Wenn sie diese Therapie nicht durchführen lasse, werde sie in absehbarer Zeit ganz erhebliche Beschwerden im Bereich des Kiefergelenks bekommen, die man dann häufig  nur noch sehr schwer in den Griff bekommen würde.

Ich habe dann noch ergänzt: “….. und Sie werden keinen Mann abbekommen, keine Kinder kriegen und als verbitterte Jungfer sterben…..”.